Bin ich wer? - Und wenn ja, wieviele?
Irgendwann in der frühen Kindheit lernen wir, dass "ich" etwas anderes ist, als "du".
Bald darauf lernen wir, dass "ich" nur eins ist, nicht mehrere, und dass es möglichst klar definiert sein muss. So beginnt das Etikettieren und das Unterscheiden. Da gibt es das "liebe Kind" oder das "ungezogene Kind". Beides zugleich ist nicht möglich.
Später geht das in der Schule weiter, und schließlich im Beruf und in der Partnerschaft: Wir sind die fleißige Schülerin, der intelligente Rechner, die hübsche Partnerin, der verständnisvolle Freund, die fürsorgliche Mutter, der liebevolle Sohn, die erfolgreiche Unternehmerin, der einfühlsame Berater, usw. - die Liste ist endlos.
Spätestens, wenn wir um die 20 sind, oder auch schon früher, wissen wir ganz genau, wer wir sind. Wer es bis dahin noch nicht weiß, läuft Gefahr, in vielfältiger Weise Probleme zu bekommen. Die Menschen wollen schließlich wissen, mit wem sie es hier zu tun haben! Sie wollen uns einsortieren in die vielen Schubladen, die sie in ihrem Kopf aufgereiht haben. Und die meisten von uns möchten auch selbst eine solche wohnlich-gemütliche Schublade finden, in der sie sich einrichten können.
Es mag Menschen geben, die in einer solchen Schublade leben und glücklich sind, bis an ihrer Tage Ende! Diesen möchte ich an dieser Stelle herzlich gratulieren und sie brauchen vermutlich nicht weiterzulesen. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass viele irgendwann an einen Punkt kommen, wo sie aus einer Schublade ausbrechen möchten. Andere finden sich in diesem Schubladen-System überhaupt nicht zurecht und wundern sich ständig, was an ihnen falsch ist, weil sie nirgends hinein passen. Für all die Menschen schreibe ich diese Ausführungen, denn hier kann ich aus eigener Erfahrung sprechen.
Es gibt auf der Liste der psychischen Krankheiten eine, die nennt sich "multiple Persönlichkeit". Nun, ich habe festgestellt, das ist keine Krankheit, das ist das ganz "normale" Leben! Die "Krankheit" entsteht dann erst durch permanente Verleugnung diverser Aspekte, und daraus resultierenden überzogenen Reaktionen.
Wir sind nicht nur Eine/r, wir sind viele. Zu den Grundlagen in dieser Thematik empfehle ich die Lektüre über "Voice Dialog" von Hal und Sidra Stone, oder das Buch "Focusing" von Ann Weiser Cornell. Dort wird sehr anschaulich beschrieben, wie viele inneren Persönlichkeits-Teile/Gefühle wir haben, wie widersprüchlich sie sein können, und wie wir lernen, mit ihnen zu kommunizieren.
Genau um diese vielen Persönlichkeiten soll es hier gehen. Sie dürfen alle da sein, denn sie sind alle Teil von mir, so wie mein Arm, mein Bein oder mein Auge. Die werfen wir ja auch nicht einfach raus! Doch genau das tun wir oft mit einigen dieser Persönlichkeits-Teile, weil sie eben zur Situation nicht passend oder gesellschaftlich nicht erwünscht sind, und daher nicht zur angestrebten Vorstellung von Erfolg führen. Ich nenne es bewusst "Vorstellung von Erfolg", denn nicht alles, was wir als Erfolg sehen, ist tatsächlich auf allen unseren Bewusstseins-Ebenen ein Erfolg. Für manche Teile in uns ist es eine Qual! Und diese Teile haben eben den Mund zu halten und sich in die Ecke zu verziehen, denn ein Teil hat die Regie übernommen, und der bestimmt, was Erfolg ist! Die Folge hiervon sind oft Unwohlsein, Frustrationen, unerklärliche Stimmungsschwankungen, Schmerzen, Erschöpfung, und schlimmstenfalls körperliche Krankheiten bis zu Krebs, Herzproblemen und anderen schweren Leiden.
Wie hängt das nun alles zusammen? Nun, nehmen wir mal eine erfolgreiche Geschäftsfrau als Beispiel: Sie hat ständig viel um die Ohren, der Terminkalender platzt aus allen Nähten, die Konkurrenz schläft nicht, die Kunden stellen hohe Ansprüche, um den Erfolg zu halten, sind permanent große Anstrengungen erforderlich. Daraus ergibt sich fehlende Freizeit, kaum Ruhe, und vielleicht auch ein unruhiger Schlaf, der nicht zu ausreichender Erholung führt. Diese Frau hat vor längerer Zeit einmal beschlossen, erfolgreich zu sein, und damit einem Persönlichkeits-Anteil die Macht übergeben, den wir den "inneren Antreiber" nennen können. Vielleicht heißt er auch "Perfektionist" oder "Kämpfer-Natur". Die Bezeichnungen dieser Anteile sollte jeder für sich selbst erspüren, denn sie können so vielfältig sein, wie die Menschheit selbst. Daher empfehle ich auch nicht, in manchen Büchern vorgegebene Persönlichkeits-Anteile, die angeblich für alle gelten, zu übernehmen. Sicherlich gibt es so etwas wie Archetypen, doch meine Erfahrung hat gezeigt, dass diese von Person zu Person sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und damit auch verschieden benannt werden können. Das wichtigste bei dieser Arbeit ist die innere Stimmigkeit dessen, was wir in uns wahrnehmen, und die kann nur jeder in sich selbst überprüfen, sonst laufen wir Gefahr, in die nächste Schublade zu springen. Nur trägt sie diesmal das Etikett: "Meine Persönlichkeits-Anteile".
Also zurück zu unserer Geschäftsfrau, geben wir ihr der Einfachheit halber mal einen Namen: Gitta. Alle existierenden Gittas mögen sich bitte nicht angesprochen fühlen.
Gitta folgt also diesem inneren Antreiber, der ihr täglich eine lange Liste von Regeln präsentiert, was es heißt, erfolgreich zu sein, und was man dafür tun muss. Mit der Zeit hat sich dieser Prozess so verselbständigt, dass immer dann, wenn Gitta "ich" sagt, dieser Persönlichkeits-Anteil spricht. Sie merkt also nicht mehr, dass es da auch noch andere Anteile gibt, sondern identifiziert sich voll und ganz mit dem einen Teil.
Es gibt aber auch noch andere Anteile, wie z.B. ein "inneres Kind", eine "Liebende", einen "Faulenzer", eine "Unbekümmerte", einen "Trotzkopf", etc. Diese Liste kann beliebig ergänzt werden. Diese Anteile sind durch die Regie des Antreibers nicht einfach verschwunden, sondern sich haben sich in den Hintergrund drängen lassen und agieren von dort aus weiter. Entweder sie trauern still und leise vor sich hin, oder sie kämpfen im Unterbewusstsein gegen alles an, was der "Antreiber" bestimmt und tut, in jedem Fall ziehen sie der Gesamteinheit "Mensch" Energie ab. Die Folge ist, dass Gitta sich vielleicht oft müde und abgespannt fühlt, sich schlecht konzentrieren kann, plötzliche unerklärliche Wut auf manche Kunden bekommt, manchmal Momente hat, wo sie alles "hinschmeißen" will, usw. Wieder kann die Liste beliebig erweitert werden. Diese Impulse werden jedoch jedesmal unterdrückt und Gitta beschließt, sich "zusammenzureißen". Damit ist der "Antreiber" wieder in der Autorität. Letztlich haben die ungehörten (oder auch "unerhörten" - im doppeldeutigen Sinne!) Anteile keine andere Möglichkeit mehr, sich Gehör zu verschaffen, als durch eine schwere körperliche Krankheit. Die führt möglicherweise dazu, dass Gitta einige Wochen im Krankenhaus verbringen muss, und dadurch endlich mal Ruhe erfährt, die sie sich sonst nicht erlaubt. Im positiven Fall fängt Gitta nun an, die verschiedenen, widersprüchlichen Impulse in sich wahrzunehmen, sich mit ihnen zu befassen, und möglicherweise nach dem Krankenhaus-Aufenthalt ihr ganzes Leben zu verändern. Dies geschieht oft bei Menschen, die mit einer Krebsdiagnose konfrontiert werden und dann wieder geheilt werden.
Es kann allerdings auch sein, dass die Krankheit nicht so schwerwiegend ist, durch OP oder Medikamente behandelt wird, Gitta verlässt das Krankenhaus und führt ihr Leben weiter wie bisher. Wenn die "unerhörten" Impulse wiederkehren, nimmt sie schnell ein Aufputsch- oder Beruhigungsmittel, je nach Situation. Nun, dies führt in den meisten Fällen zu einem sich stetig wiederholenden Kreislauf von Krankheit und vorübergehender Besserung, der evtl. erst durch den Tod beendet wird.
Wäre es nun auch möglich, gar nicht erst bis zum Krankenhaus gehen zu müssen? Das würde voraussetzen, dass Gitta beschließt, sich bereits bei den ersten Anzeichen von Unwohlsein, mit diesem zu befassen und zu schauen, welche inneren Anteile sich da zu Wort melden möchten. Vor allem setzt es auch voraus, dass sie bereit ist, den regieführenden "Antreiber" zu erkennen und sich als Ich-Identität von ihm zu distanzieren. Er wäre nicht mehr die vorherrschende Stimme, sondern gleichbedeutend mit all den Anderen, die sich ebenfalls zu Wort melden. Das führt langfristig allerdings auch dazu, dass ein extrem stressiges Leben umgestellt werden muss, damit die Bedürfnisse der bisher zu kurz gekommenen Persönlichkeits-Anteile Raum bekommen. Vielleicht führt es auch erstmal zu einem niedrigeren Einkommen, zu weniger Prestige und (falsch verstandenem?) "Erfolg", zu weniger Anerkennung in gewissen Kreisen; doch es führt mit Sicherheit zu besserer Gesundheit, zu mehr Ausgeglichenheit, zu innerem Frieden, mehr Freude am Leben, und somit wohl ebenfalls zu einem "Erfolg", nur etwas anderer Art?
Werte Leserinnen und Leser, bitte wählen Sie selbst, welche Art von Erfolg Sie in Ihrem Leben möchten! Denn es ist Ihr Leben, Sie haben es in der Hand.