Veränderte Beziehungen (Originaltitel: RELATIONSHIFT)
(Übersetzt aus dem Englischen von Rüdiger Flach)
Ich habe diesen kurzen Artikel als Antwort auf eine Anfrage des Herausgebers von “The Spirit of Maat” geschrieben und um das Thema neuer Beziehungsmodelle anzusprechen, das für so viele Menschen auf der ganzen Welt im Entstehen begriffen ist.
Ja, das Paradigma von Beziehung ist dabei sich zu verändern. Ich stelle fest, dass ich nicht mehr aus irgendeinem der alten Motive danach suche, mit jemandem zusammen zu sein. Ich brauche niemanden, der mich glücklich macht oder der mir das Gefühl gibt, erfüllt oder lebendig zu sein sondern jemanden, der sich hinsichtlich der Aufgabe mit mir verbindet, gemeinsam eine neue Welt zu erschaffen. Ich brauche niemanden zu besitzen oder zu kontrollieren sondern ich möchte ihn frei setzen, damit er seine göttliche Bestimmung so frei und vollständig wie möglich leben kann. Ich muss nicht einmal definieren, was Beziehung bedeutet. Ich segne und ehre einfach die existierende Seelenverbindung und lasse sie sich mit den Gezeiten entfalten und verändern.
Das ist nicht immer einfach. Wir sind gefangen zwischen dem Alten und dem Neuen. Wir müssen ständig mit alten Ängsten, Unsicherheiten, Eifersüchteleien und funktionsgestörten Verhaltensmustern umgehen. Wir haben ständig mit unseren eigenen Erwartungen an uns selbst zu tun und mit den an uns gerichteten Erwartungen unserer Partner und der uns umgebenden Welt. Wir haben bisher nicht wirklich ein neues, brauchbares Model entwickelt. Vielleicht ist es ja auch gar nicht notwendig, ein definierbares Model zu entwerfen. Vielleicht geht es um den Prozess, in jedem gegebenen Augenblick auf unser Herz zu hören und dem evolutionären Impuls zu vertrauen, der unserem konditionierten Verstand nicht immer sinnvoll erscheinen mag.
Wenn ich über die neuen Paradigmen nachsinne, die wir zusammen erschaffen können, muss ich an den Zukunftsroman, “2150 n. Chr.“, von Thea Alexander denken. Sie spricht von einer ganzen Gesellschaft, die auf einem Gespür für Schwingungsresonanz aufgebaut ist uns nicht auf den überholten Steinzeit-Konditionierungen, die uns heute antreiben. Es gibt ein Erkennen, dass wir in Seelengruppen unterwegs sind und dass wir unser Gefühl der Zugehörigkeit in diesen Bewusstseinsgruppen erfahren. Wir sind nicht auf der Suche nach einem Partner, der uns auf magische Weise jeden unmöglichen Wunsch erfüllt, sondern wir fragen uns eher, was wir einander geben, als was wir voneinander erhalten können. In diesen Zusammenhang gestellt, sind Beziehung und Sex eher Mittel einen tieferen Kommunion mit dem Ganzen. Und, je bedingungsloser unsere Liebe ist, umso erfüllter können wir innerhalb dieser Bewusstseinsgruppe sein.
In der Gesellschaft um 2150 n. Chr. werden die Menschen gelernt haben, über das Konkurrenzmodel, das auf dem Überleben des Selbst basiert, hinauszugehen. Stattdessen werden sie ihr Identitätsgefühl aus der gesamten Seelengruppe ableiten. Es gibt dort ein Wiedererkennen der Tatsache, dass unsere höchste Freude ist, die höchste Freude eines jeden zu unterstützen. Niemand wird einen Anderen besitzen oder kontrollieren, weil der „Andere“ nicht als getrennt vom „Selbst“ erfahren wird. Es wird keinen Grund für Eifersucht und Besitzdenken geben, weil kein Gefühl für Eigentümerschaft vorhanden ist.
Kann das heute ein realistisches Model für uns sein? Ich glaube, dass sich die menschliche Spezies in der Mitte eines evolutionären Sprungs befindet. Sri Aurobindo bezieht sich auf unsere Entwicklung vom `tierischen Menschen´, getrieben von Überlebensbedürfnissen, über den `menschlichen Menschen´, gegründet auf emotionalen Bedürfnissen, hin zum `göttlichen Menschen´, dessen Bedürfnisse sich an der Seele orientieren. Barbara Marx Hubbard bezieht sich auf diese entstehende Spezies als den `universellen Menschen´.
Ich habe den Eindruck, dass die Verschiebung der Paradigmen in unseren heutigen Beziehungen, eine Antwort auf diesen evolutionären Impuls ist. Je eingestimmter wir auf diesen Impuls reagieren, umso mehr werden wir aufgerufen sein, das Risiko auf uns zu nehmen, uns in diese unbekannten Gewässer zu begeben. Vielleicht wird die Beziehungsreise eines jeden Einzelnen absolut einmalig sein. Vielleicht geht es nicht einmal darum ein alternatives Beziehungsmodel zu entwickeln, sondern zu lernen, in jedem Augenblick aus unseren Herzen zu leben und dem einmaligen Prozess des sich Einstimmens auf das Auftauchen des `göttlichen Menschen´, zu vertrauen. Das ist ein Prozess des Reifens, der von innen nach außen geht.
Ein neues Paradigma, das auf bedingungslosem Gruppenbewusstsein basiert, kann nicht von außen verordnet werden. Es ist etwas, dass aus uns entstehen muss. Das ist der Grund, warum es manchmal so verwirrend sein kann. Es ist ein Prozess des Ausbrechens aus alten emotionalen und gesellschaftlichen Konditionierungen und erfordert ein ausgeprägtes Gewahrsein, Selbstrespekt und Vertrauen in den Prozess des Lebens. In dem Bestreben einander immer mehr zu lieben, lernen wir letztlich uns selbst mehr zu lieben. Und nur, wenn wir uns selbst mehr lieben, können wir lernen, einander noch umfassender zu lieben, bis sich unsere Liebe schließlich auf die gesamte Menschheitsfamilie erstreckt.