DREI WELLEN DER INITIATION
von Kiara Windrider, 8. Juni 2005
(übersetzt von Rüdiger Flach)
Ich sitze am Meer und beobachte die herankommenden Wellen. Eine große Welle bäumt sich auf, bricht in sich zusammen und verteilt sich über den durstigen Sand. Dann zieht sie sich mit einem kräftigen Sog zurück und kollidiert mit der nächsten hereinkommenden Welle. Kurz darauf bricht die nächste Welle über den entstandenen Wirbeln zusammen und bahnt sich ihren Weg zum Strand. Vor und zurück, Ebbe und Flut, der Tanz des Ozeans geht weiter bis in Ewigkeit.
Ich denke über den Prozess der Veränderung nach. Vor einigen Wochen sprach ich mit meinem Freund Barry Martin, der die Metapher von den „Drei Wellen“ verwandte um den Prozess des planetaren Erwachens zu beschreiben. Während ich hier sitze und die unablässigen Bewegungen des Meeres vor mir beobachte, erinnere ich mich an jene Unterhaltung.
Wenn ein neues Projekt entsteht, wird es anfangs immer von großem Enthusiasmus und hoher Energie begleitet. Das ist die Erste Welle. Sie ist stark und begeisternd. Wir sind vereinnahmt von einer Vision. Wir fühlen, wie sich die Kraft des Universums durch uns bewegt. Wir fühlen, dass uns nichts aufhalten kann. Eine große Kraft durchströmt uns und wir sind sicher, dass wir in Erfüllung dieser Vision alles ertragen können.
Dann kommt die Zweite Welle d.h., die Rückwärtsbewegung der Welle, während sich der Ozean unausweichlich wieder in sich selbst zurückzieht. Es gibt grosse Turbulenzen. Das ist eine Zeit der Selbstprüfung und grossen Schmerzes. Überall um uns herum werden wir Zeugen, wie unsere sehnlichsten Hoffnungen und Träume in sich zusammenfallen. Das Universum scheint uns vergessen oder sich gar gegen uns gewandt zu haben. Wir fragen uns, ob wir einer falschen Vision aufgesessen sind oder ob das Universum überhaupt irgendeinen Sinn hat.
Viele bezeichnen dies als die “Dunkle Nacht der Seele”. Bevor eine Person tatsächlich diese Erfahrung macht, hängt diesem Thema immer eine romantisierende Vorstellung an. Uns wurde gesagt, dass es eine Initiation geben würde und dass diese „Dunkle Nacht“ der Durchgang zu einem großartigen Erwachen sei, das Tor zu einer spirituellen Wiedergeburt. Wir fangen sogar an dafür zu beten, da wir uns für die Herausforderung bereit fühlen. Dabei sind wir uns auf eine törichte Weise sicher, dass wir es packen werden, egal was auch passiert.
Das Problem während der Ersten Welle ist, dass wir nur den Adrenalinstoß der unbegrenzten göttlichen Möglichkeiten erfahren. Wir haben Diksha erhalten, einen ersten Vorgeschmack auf Erleuchtung. Wir haben eine erste Vision des bevorstehenden Goldenen Zeitalters erhalten. Wir haben das grosse Bild gesehen, indem alle Probleme der Welt auf wundersame Weise gelöst sind. Wir erlebten ein kurzes Aufflackern von Hoffnung in unserer Psyche, den Zauber der Freiheit von lebenslanger Angst und Leiden. Wir haben uns in die unbegrenzten Möglichkeiten des Seins verliebt.
Dann kommt der Realitäts-Check. Die Zweite Welle trifft uns und alles scheint sich zurück zu entwickeln. Alle unsere Träume lösen sich plötzlich in Luft auf. Wir erfahren nicht länger göttliche Extase. Wir fühlen uns in den Boden gestampft und vom Universum herumgeschleudert, bis nichts mehr übrig bleibt als ein Gefühl von Verrat und Verzweiflung.
Schließlich bricht die Dritte Welle durch das Gefühl der seelischen Dauerprügel und wir treten in einen völlig neuen Bereich der Meisterschaft ein. Die letzten Überreste von Ego-Anhaftung und Getrenntheit lösen sich auf und wir sind frei. Aber wie kommen wir von hier nach dort?
Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die nachdem sie Diksha bekommen hatten, für einige Wochen oder Monate, durch die “Dunkle Nacht der Seele” gingen. Auch ich habe diese Erfahrung in den vergangenen Monaten gemacht. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, tiefer über diese Dinge nachzudenken und einige Perspektiven anzubieten. In den Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“, die viele von uns erlebt haben, gibt es einige Gemeinsamkeiten:
Eine Unmenge an Scheiße kommt hoch und das alles auf einmal
Ein Gefühl totaler Überwältigung durch das Leben
Das Selbstwert-Gefühl ist im Keller
Gefühle von Verrat, Verzweiflung und Hilflosigkeit
Verlust aller Gewissheiten oder Hoffnung
Kein Gefühl göttlicher Verbundenheit
Gefühl der Isolation in einer privaten Hölle
Von Zeit zu Zeit fallen mir Dinge auf, die ich tun kann, während ich erbarmungslos in den Sand geworfen werde. Ich atme tief in die Angst. Ich ziehe mich zurück, wo ich dann schreien, weinen, beten oder einfach still sein kann. Mitunter frage ich mich, was das Allerschlimmste wäre, das mir passieren könnte und entspanne mich dann in die vergleichsweise gnadenvolle Erfahrung Gnade dessen, was tatsächlich geschieht. Ich versuche die vielen Masken und Spiegel meines Egos zu erkennen. Ich frage mich, wie viel meiner Erfahrung auf vergangenen Traumata oder auf Angst vor der Zukunft beruht. Ich schaue auf das grosse Gesamtbild dessen, was wirklich hinter der Illusion des getrennten Egos geschieht. Ich nutze die Gelegenheit meine persönlichen Schatten auszuloten, alles was an die Oberfläche kommt um geheilt zu werden. Ich frage mich, ob mein Glaube in den göttlichen Plan wirklich bedingungslos ist oder ob er nur funktioniert, wenn die Dinge scheinbar gut laufen. Ich schaue mir Anhaftungen an, die ich aufgeben muss und schaue nach den Geschenken, die ich wieder in Besitz nehmen muss.
Alle diese Dinge helfen, aber für sich genommen reichen sie nicht aus. Der Zweck der Zweiten Welle ist nicht, sich abzurackern, um einen Ausweg zu finden. Der Zweck der Zweiten Welle ist, in den Sand geworfen zu werden bis nichts mehr übrig bleibt, was man tun könnte. Der Zweck der Zweiten Welle ist jede durch das getrennte Ego aufrecht erhaltene Anhaftung und seine Identitäten zu zerreißen, inklusive das, was man unser spirituelles Ego nennen könnte.
Die Dritte Welle kommt unausweichlich. Je stärker die erste Welle war, umso stärker kann die zweite Welle sein. Je bewusster wir durch die zweite Welle gehen, umso beständiger wird die Dritte Welle sein. Im Kontext des Erhalts von Diksha könnte man sagen: Wenn die Erste Welle Erleuchtung bedeutet, dann steht die Zweite Welle für Verdunkelung (die Erfahrung des Schattens) und die Dritte Welle für einen Zustand von Einheitsbewusstsein (Oneness), der über die Unterscheidung von Dunkelheit und Licht hinausgeht. Hier hat das „himmlische Feuer“ die letzten Reste von Getrenntheit weggebrannt. Hier erfahren wir unser wahres Gesicht, das nichts gemein hat mit dem Gesicht, das wir zu sehen gewohnt sind, wenn wir in die täglichen Spiegel des Lebens schauen. Das ist das Gebiet, in dem Jesus in der „Wildnis seiner Seele“ rang, bevor er die Energien des Christus vollständig verkörpern konnte.
Ich fühle, dass die Drei Wellen, die jeder von uns auf dem Weg zum Einheitsbewusstsein durchschreitet, die gleichen Wellen sind, die die Menschheit als Kollektiv durchleben wird. Es sind die gleichen Wellen, die eine Organisation wie die Golden Age Foundation oder jede andere Bewegung, durchschreiten muss, die letztlich immer noch ihre Wurzeln im Massenbewusstsein der Menschheit haben. Es sind die gleichen Wellen, durch die sich unsere geliebte Erde bewegt, während sie sich vorbereitet die Menschheit und alles Leben in das Goldene Zeitalter zu gebären. Obwohl es nicht den Anschein haben mag, gibt es eine gewaltige, allmächtige und liebende Intelligenz, die durch all diese Dinge wirkt.
Mir scheint, dass wir nun kollektiv im Begriff sind, durch die Zweite Welle zu gehen. Aus all den Rückmeldungen, die ich von Menschen erhalte, scheint sich anzudeuten, dass sich etwas auf einen Höhepunkt auf planetarer Ebene hin entwickelt; so etwas wie ein grosses, kollektives Ereignis. Wie das aussehen könnte, weiß ich nicht. Aber es ist auch wichtig zu erkennen, dass die Gnade der Dritten Welle - die heute schon auf die Erde ausgegossen wird -, jenseits aller temporärer Formen ist und weder geschwächt noch durch irgendetwas aufgehalten werden kann.
Sri Aurobindo, der grosse Mystiker und Heilige Indiens, bezog sich auf die Zweite Welle als die „supramentale Katastrophe“. Er bemerkte, dass es unsausweichlich eine Zeit des Überganges geben werde, in der all unsere kollektiven Schatten an die Oberfläche kommen würden. Ich habe den Eindruck, dass sich die Dinge in den nächsten Monaten oder Jahren auf einen Höhepunkt zu entwickeln. Er sagte aber auch, dass diesen Ereignissen eine „supramentale Manifestation“ folgen würde, die vielleicht mit dem identisch ist, auf was sich Sri Bhagavan als den Beginn des Goldenen Zeitalters bezieht.
Wenn wir also gegenwärtig die Zweite Welle erfahren, lasst uns das grosse Bild nicht vergessen. Egal durch welches Stadium des Prozesses wir auch gehen, die Gabe lebt in uns und wir sind mit der Fähigkeit gesegnet sie weiter und weiter und weiter zu geben. Wenn wir inmitten all dieser Dinge in einem Zustand der Durchlässigkeit bleiben und es dem Wind des Zerstörers erlauben ohne Widerstand durch uns hindurchzuwehen, werden wir mit einer sehr vertieften Kapazität dem Einen zu dienen, auf der anderen Seite ankommen.