Weitere Betrachtungen zur “Dunklen Nacht der Seele”



Teil 3 der  Sommer-Trilogie    Teil 1  Teil 2

von Kiara Windrider,  29. Juni 2005
(übersetzt von Rüdiger Flach)

Es war der  heilige Johannes vom Kreuz, einer der frühen christlichen Mystiker, der den Begriff “Dunkle Nacht der Seele“ geprägt hat. In meinen frühen Zwanzigern, als ich durch Perioden gewaltiger Depressionen ging, fiel mir dieses Buch in die Hände und ich war fasziniert. Es schien, als wäre jedes Wort nur für mich geschrieben worden und es half mir, das, was geschah, aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ich möchte hier einige Überlegungen darüber teilen, was das für uns, an diesem Punkt unserer Reise, bedeuten könnte.

Der heilige Johannes bezog sich auf zwei unterschiedliche Prozesse, die sich oberflächlich ähneln, aber die sich dennoch deutlich voneinander unterscheiden. Den ersten Prozess nennt er „Die Dunkle Nacht der Sinne“.  Später  in seinem Buch beschreibt er „Die Dunkle Nacht der Seele“.

Ich möchte hier zwischen diesen beiden Ereignissen unterscheiden. Die meisten von uns haben schon Gefühle von grosser Einsamkeit, emotionaler Erschöpfung und Depression erfahren. Manchmal kommen und gehen diese Zustände. Zu anderen Zeiten bleiben sie für Wochen, Monate oder gar Jahre bestehen. Vieles von dem ist ein psychologischer Prozess. Wir fühlen uns wertlos, klein, ungeliebt und unsicher. Das Universum erscheint von überwältigender Grösse, und zu furchteinflössend zu sein, um zu handeln, und wir ziehen uns immer mehr in unser Schneckenhaus zurück, um uns sicher zu fühlen. Wir fühlen uns verloren und von anderen Menschen abgeschnitten. Wir fühlen uns viel zu unzulänglich, um unsere Träume zu leben. Wir sind durch das Leben und andere Menschen verletzt und ziehen uns in unser selbstgebautes Gefängnis zurück, während wir zwischen Gefühlen von Wut, Verrat, Einsamkeit, Traurigkeit und Gram schwanken.

Der Umgang mit unseren nicht geheilten psychologischen Problemen ist oft schmerzhaft, und Diksha kann diesen Prozess beschleunigen, da sie uns in Richtung Ganzwerdung drängt. Alles das ist Teil der Dunklen Nacht der Sinne. Oft machen wir die Feststellung, dass je stärker das Licht ist, das auf uns hernieder strahlt, desto stärker scheint auch die Dunkelheit hervorgerufen zu werden.

Als ich am Mount Shasta in Californien lebte, gab es einen See in der Nähe, den ich häufig besuchte. Es war ein sehr flacher See und er bestand zur Hälfte aus Matsch. Ich liebte es dort entlang zu waten und dabei Blasen von Methangas aufzuwühlen, die dabei aus dem moorigen  Boden kamen, und zu beobachten, wie sie sich ihren Weg zur Oberfläche bahnten, um dort freigesetzt zu werden.

Unsere psychologische Entwicklung kann dem ähnlich sein. Es kann sein, dass wir zum ersten Mal einige unserer Schattenaspekte wahrnehmen, die lange unter dem Bodenschlamm vergraben waren. Wir haben uns bemüht sie zu verleugnen, auf andere zu projizieren oder sie für lange Zeit unterdrückt, aber sie sind immer noch da. Was machen wir mit diesen Blasen von unbewusstem Material, wenn es aufgewirbelt wird?

Sehr oft versuchen wir diese Gefühle, Erinnerungen und Empfindungen wieder zu unterdrücken oder zu verleugnen. Sie sind unbequem und passen nicht in unsere Vorstellung von spirituell erleuchteten Wesen.  Es kann auch sein, dass wir in eine Depression fallen und uns innerlich zusammenziehen, um uns dann wieder schuldig und beschämt für etwas zu fühlen, was wir als Versagen oder Wertlosigkeit empfinden. Eine dritte Möglichkeit ist, dass wir diese Gefühle auf andere Personen oder Umstände projizieren, indem wir sie unausgesprochen für unsere Gefühle der Dunkelheit und Unbehagens verantwortlich machen. Das wird insbesondere bei jenen offensichtlich, die in ihrer frühen Kindheit massive Erfahrungen von Schmerz und Missbrauch erfahren haben. Das Bedürfnis, sich selbst oder jemand anderen als Ausgleich für all die Schatten in der eigenen Seele zu beschuldigen, kann sehr stark werden, da sie durch die Diksha an die Oberfläche gedrängt werden.

Es gibt eine vierte Option, wenn wir nicht weiter in unsere alten Muster von Unterdrückung, Verleugnung oder Projektion verfallen wollen. Wir können diesen Prozess einfach wahrnehmen und beobachten. Dabei müssen wir nicht versuchen, etwas zu verändern. Wenn wir bereit sind, still zu halten und mit unseren Gefühlen zu sein, werden diese Blasen ganz natürlich an die Oberfläche des Sees gelangen und freigesetzt werden. Wenn wir allerdings aktiv beschuldigen oder richten, kommt der Prozess zum Stillstand und wir bleiben in der „Dunklen Nacht der Sinne“ stecken.

Wenn wir es uns erlauben durch die Dunkle Nacht der Sinne zu gehen, indem wir einfach die Realität unserer Psyche ohne Widerstand erfahren, geht die Dunkelheit bald vorüber. Es kann jetzt mehr Licht hereinkommen und tiefere Erfahrungen von Einheitsbewusstsein beginnen zu geschehen. Wir entdecken eine tiefere Verbindung zu unserer inneren Göttlichkeit, dem Antaryamin, und entwickeln ein ausgeprägteres Gespür für unsere einzigartige Bestimmung als Seele auf der Erde.

An einem bestimmten Punkt unserer Reise beginnt eine andere transformative Krise. Das ist die umfassendere Dunkle Nacht der Seele. Während die „Dunkle Nacht der Sinne“ eine psychologische Krise ist, ist die „Dunkle Nacht der Seele“ eine existentielle Krise. Während es die Aufgabe der Dunklen Nacht der Sinne ist, das Gefühl eines getrennten Selbst aufzulösen - was schließlich zur Erleuchtung führt -, ist es die Aufgabe der Dunklen Nacht der Seele, dass göttliche Selbst zu entdecken und in die Gottes-Verwirklichung einzutreten.

Die innere Erfahrung mag durchaus ähnlich sein. Es gibt wieder dieses Gefühl des Ausgelaugtseins, des Verlustes an Vitalität oder Begeisterung und ein Gefühl von Trostlosigkeit und Dunkelheit. Aber dieses Mal ist es eine Erfahrung unseres Seelenkernes  und nicht der äußeren Persönlichkeit. Oft haben wir dann das Gefühl, dass unsere Verbindung mit dem Göttlichen zerbrochen ist. Es gibt keine Freude mehr in unseren Herzen und alles, was auf unserem spirituellen Weg einst sanft und leicht war, wird jetzt belastend und schwer.

Warum geschieht das? Hier werden die letzten und subtilsten Reste unseres persönlichen Egos konfrontiert. Unsere tiefsten Gewissheiten und unsere letzte Bestimmung stehen auf dem Prüfstand. Wir werden in die Leere gestossen, wo sich alles, was mit unseren verbliebenen Vorstellungen und Konzepten über Gott, Wahrheit und der letzten Realität zu tun hat, auflöst. Selbst unsere Vorstellungen über das „grosse Gesamtbild“ werden von der Leere verschlungen. Es fühlt sich an wie die Zerstückelung unseres Wesenskerns; wie eine Reise durch das Tal des Todes. Die Reise erscheint endlos und erst wenn wir uns schließlich diesem Sterben ergeben, tauchen wir auf als wiedergeborenes Christusbewusstsein.

Durch diesen Zustand ging Jesus während seiner vierzig Tage in der Wüste.  Während er noch mit den letzten Überbleibseln seiner inneren Dämonen kämpfte, war er in der Lage die verbliebenen Illusionen eines getrennten Selbst aufzulösen und mit dem Vater, seiner inneren Göttlichkeit, zu verschmelzen. Das ist der Punkt, als er zum Christus wurde. Hier konnte seine Mission als Avatar wahrlich beginnen.

Wir befinden uns auf der gleichen Reise. Bhagavan macht deutlich, dass wir alle ein Aspekt des kollektiven Avatars sind, der auf die Erde hernieder kommt. Er betont die Notwendigkeit, durch unseren eigenen Prozess der Dunklen Nacht der Seele zu gehen und fordert uns auf, den Schritt in unsere Meisterschaft zu vollziehen. Das ist, was erforderlich ist, um einer der 64000 zu werden, sagt er.

Lasst uns nicht die Dunkle Nacht der Sinne mit der Dunklen Nacht der Seele verwechseln. Nur weil wir uns schlecht fühlen bedeutet das nicht, dass wir uns automatisch in die Meisterschaft bewegen. Unabhängig davon, hat die Reise bereits begonnen. Der Weg durch beide „Dunklen Nächte“ ist der gleiche. Wir müssen uns lediglich unseres inneren Prozesses ohne Urteilen und Selbstanklage bewusst werden. Und wir müssen darauf vertrauen, dass die göttliche Intelligenz gleichermaßen bei uns ist, sowohl in der Dunkelheit, als auch im Licht. Wenn wir uns schließlich der göttlichen Vollkommenheit auch in der Dunkelheit hingeben können, erkennen wir auf mysteriöse Weise, dass wir wieder einmal aus der Dunkelheit ins Licht aufgetaucht sind.

Wenn wir aus der Dunklen Nacht der Sinne auftauchen, treten wir immer tiefer in das Einheitsbewusstsein (Oneness)  ein. Wenn wir aus der Dunklen Nacht der Seele auftauchen, treten wir immer tiefer in die Meisterschaft ein. Wir werden „Gott verwirklicht“ und können der Menschheit als Teil des kollektiven Avatars auf Erden dienen. Wir dienen als eine Zelle im planetaren Körper, während dieser langsam die für ein kollektives planetares notwendige kritische Masse bildet.

In den Worten eines alten indianischen Gebets: Führe uns von Unwahrheit zu Wahrheit. Führe uns aus der Dunkelheit ins Licht. Führe uns von Tod zu Unsterblichkeit.